Das Café

Diesen Teil der Stadt kannte ich bisher nur durch die Fenster der U1. Es ist schon spät. Wenn der Kiosk auftauchte, würde ich links vorbei in die kleine Gasse laufen müssen und danach wäre es nicht mehr weit bis zur Haltestelle. Am Ende der Gasse steht ein kleines Café. Am Tage muss es ein gemütliches Café sein. Eines, dass den Namen verdient. Ohne Leuchtreklame. Mit alten Holztischen und Tassen aus Porzellan. Eines, ohne to go.



Ich bleibe kurz stehen und trete ans Fenster. Das Licht der Straßenlaterne fällt schwach auf das Interieur. Mein Blick schweift vorbei an den Tischen hin zum Tresen und ich erstarre für eine Sekunde, als meine Augen plötzlich einen Mann erblicken. Fast regungslos steht er da im Halbdunkel und starrt auf den menschenleeren Innenraum des Cafés. Obwohl er mich nicht bemerkt fühle ich mich seltsam ertappt und laufe weiter. Auf dem restlichen Weg zur Haltestelle stelle ich mir vor, was diesen Mann zu nächtlicher Stunde in das kleine Café geführt hat...

Vorstellung eins – das Glück:
Es ist geschafft. Sein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen. Ein eigenes kleines Café. Familienbetrieb. Jenseits von Starbucks und Co. Mit selbst gebackenem Kuchen und Gebäck. So stolz und glücklich ist dieser Mann, dass er in besagter Nacht vor Aufregung nicht schlafen kann. Damit seine Frau nichts bemerkt, schleicht er sich im Dunkeln in sein Café, hält inne und blickt voller Ehrgefühl auf sein neues Lebenswerk. Als der erstarrte Fenstergaffer endlich weiterläuft, beginnt er einen Kuchen zu backen.

Vorstellung zwei – die Peinlichkeit:
Seine Nachbarin war es, die für sein Café jeden Tag diesen Kuchen gebacken hatte, den die Leute so liebten. Seit einer Woche nun liegt sie im Krankenhaus. Ihre alten Knochen haben nicht mehr so viel Kraft. Er muss den Kuchen selbst backen, doch hat er nie gelernt das Eiweiß vom Eigelb zu trennen. Um sich vor seiner jungen Partnerin nicht zu blamieren schleicht er sich nachts in sein Café um heimlich zu üben. Als der erstarrte Fenstergaffer endlich weiterläuft, holt er ein Ei aus seinem Pyjama.

Vorstellung drei – die Täuschung:
Er ist der Polizei schon einmal entwischt. Nachts schleicht er sich durchs Viertel und räumt die Kassen der Kioske und Imbissbuden leer. Heute ist das kleine Café dran. Als der erstarrte Fenstergaffer ihn entdeckt, schlüpft er schnell in die Rolle aus Vorstellung eins oder zwei, wobei er erstere präferiert.

Vorstellung vier – Hamburg:
Die Leute gehen gern in sein kleines Café. Doch auch die jahrelangen Stammgäste können nicht verhindern, dass er den neuen Mietpreis nicht mehr bezahlen kann. Die letzten drei Monate stehen noch aus. Ein Investor hat schon Interesse angemeldet. Das Café soll abgerissen und durch einen mehrstöckiges Café-o-mania Center ersetzt werden. In der Nacht vor dem Abriss steht er still in seinem Café und nimmt leise Abschied.

Die U1 ist da. Ich steige ein und entscheide mich für das Glück.

Of Bikes & Records

Als die Bankmitarbeiterin anmerkte, dass sich ein Trojaner auf meinem Computer befinde und das Konto deshalb solange gesperrt bliebe bis ich meinen Master Boot Record initialisiert hätte, dachte ich kurz darüber nach, wie meine Großeltern wohl auf eine solche Information reagieren würden, gehörten sie doch zu jener Generation, welche zwar Schallplatten aber keine Master Boot Records kannte.


Ich dagegen – und das ist der eigentliche Fauxpas – gehöre zu jener Generation, welche im Alter von 28 Jahren zum ersten Mal einen Fahrradschlauch wechselt. Natürlich nur mit Hilfe eines YouTube-Tutorials. Meine Großeltern hätten das nicht nötig. Früher lernte man so etwas von der Pieke auf. Leider habe ich selbst Schuld an dieser Misere. Mein Vater bot mir oft genug an, mich in die Wunder dieses Handwerks einzuweihen, aber ich blieb stumm in meinem Jugendzimmer sitzen und initialisierte meinen Master Boot Record.

Ich möchte mich hiermit bei meinem alten Fahrrad bedanken, welches so oft einen Platten hatte, dass ich mittlerweile ein durchschnittlich guter Fahrradschlauchwechsler geworden bin (Flicken kommt übrigens gar nicht erst in Frage). Das Fahrrad war ein bisschen zu klein und niemand der es ausprobierte konnte verstehen wie ich es so lange mit ihm aushalten konnte. Aber ich mochte es irgendwie. Damals für 65 Euro in Kreuzberg erstanden, hatte ich mittlerweile mindestens das Dreifache in Reparaturen investiert. Vorgestern ging es dann für stolze fünfzehn Euro bei Ebay raus – mit platten Reifen. Biky, I’ll miss you.

Ton

Abaton Hamburg